2012. július 24., kedd

Katalin Kemèny: KARNEVAL


(ung.; Karnevàl). Roman des Kulturhistorikers und Philosophen Bela HAMVAS, entstanden 1948 bis 1950, aus dem Nachlaß veröffentlicht 1985.
Schauplatz dieses philosophischen Monumentalromans, einer »metaphysischen Pikareske« (E. Haldimann) in sieben Büchern, vom Autor selbst als Schicksals- oder auch als Fehlbarkeitskatalog, als Dämonologie oder, HERAKLIT zitierend, als ,,Geschichte des zehntausendhäutigen Geistes" charakterisiert, ist der Karneval, eine universale Metapher fur die unendlichen Metamorphosen des Menschen in seiner metaphysischen und historischen Existenz. »Hamvas' Thema ist, losgelöst von nationalen und aktuellen Belangen, die Krise der universellen Zivilisation, der moralische Verfall des modernen Menschen« ~. Haldimann).
Hauptgestalt des Buches ist Michael Bormester, der Sohn des Hilfsreferenten Virgil Bormester (dt. »Weinmeister«), der sich auf den Weg macht, seinen wahren Namen, seine Identität zu suchen. Der Erzengel Michael spricht ihn an, aber Virgil ist in unglückliche Abenteuer verstrickt und zur Identifikation nicht imstande, deshalb gibt er sowohl das Suchen, als auch den Namen Michael seinem Sohn weiter. Der Name Michael ist Mittelpunkt der gesamten Erzählung - und ihn kontrapunktieren die Maskennamen der 300 auftretenden Personen, in denen Michael sich selbst erkennen muß. Der Karneval ist Karneval, damit niemand seinen Platz behält, und so wird der Neugeborene  in der  Wiege  vertauscht. Dem  schizophrenen  Jahrhundert entsprechend, leben die beiden vertauschten Kinder das Leben des jeweils anderen, was heißt, daß der einzige Michael zu zwei Personen wird.
Der anfangs auf die Kleinstadt beschränkte Familienroman weitet sich  in einem von mehreren konzentrischen Kreisen  auf das Land und schließlich auf die fünf Kontinente aus. Und ebenso die Zeit, denn »was hier geschieht, gilt für alle Zeiten«.
Das Romangeflecht umgreift die Ereignisse der vermeintlich realen Welt von der Jahrhundertwende bis 1950 und wird damit der sichtbaren, realen Geschichte gerecht, aber über ihr steht der esoterische Sinn, der Hüter der »wundersamen Veränderungen der Seele«. Beide sind verbunden durch das Funktionsgespräch zwischen dem Erzähler und dem »agent spirituel«; die Authentizität gewährleistet die unanfechtbare »Stimme«.
Bei der Mobilisierung soll Mike, der extravertierte Clown und Gentleman, an die Westfront geschickt werden- aber schalkhafter als Eulenspiegel und Panurge (der Schelm aus Rabelais' Gargantua-Roman) und obendrein mit der Luzidität eines Strategen gesegnet - setzt er sich über den törichten und grausamen Machtapparat des Diesseits hinweg. Seine Ironie drängt mit den sprachlichen Purzelbäumen eines James Joyce auch noch zwei Nachbarländer in einen Krieg, ohne daß er auf der »Gegenseite« Michail wahrnimmt, den »Heiligen«, sein introvertiertes Ich, das vom östlichen Kriegsschauplatz kommend in russische Gefangenschaft geriet, die Taiga durchlitt, in Tibet die östliche Weisheit erlebte, China durchreiste und auf der Insel Sansibar an Land ging, wo Mike und Michail aus der westlichen und östlichen Hemisphäre zusammentreffen, also Michael Bormester seinem Selbst begegnet. Es zeigt sich, daß der Heilige und der Clown nicht nur zusammengehören, sondern auch austauschbar sind.
Die »Vereinigung« im Tempel der Kali auf Sansibar wäre nicht zustande gekommen ohne Antennis, eine dritte Person. Der Anima-Spiegel des Michael Bormester ist der »älteste«, von der Zeitmaske unverhüllte; der strahlende Engel des Blendwerks lacht den aus, der die Masken für Wirklichkeit hielt. Mike und Michail, der leidenschaftliche Lachende und der spirituelle Leidende, erkennen in den Masken das Blendwerk der Welt. Kali, die Erdgöttin, ist das Blendwerk selbst, und in Antennis, dem strahlenden Engel, erkennt sie sämtliche Frauen, mit denen sie bisher rang.
Die letzte Station der Wanderjahre Bormesters und der Reifung der Seele steht noch aus. Der Abstieg ins Jenseits gestaltet sich zum Höhepunkt des Romans und ist eine einzige Katabolie der Literatur des 20.Jh.s. Sein erster Führer ist Henoch, der »Jünger des Herm«, der den Erlöser als erster sah. Er begleitet ihn bis zum mystischen Todesfluß, in dem statt Wasser Massen von sich plagenden Seelen in die Ferne streben. Die Landschaft wird hell, auf dem Gipfel des Perlenbergs ist ein reglos strahlendes Gesicht zu sehen: Johannes der Täufer. Auf der höchsten Bergspitze erscheint erneut Antennis, eine Bettlerin, die die Schwelle hütet. Ihre Schönheit symbolisiert die Reinheit von Michaels Leben, ihre Lumpen und ihr Alter sind Zeichen für den Schmutz dieses Lebens. Hinter dem Edelsteintor quälen sich die für die Wahrheit Leidenden, die Friedliebenden, die Reinherzigen, die Aussätzigen, in gleißendem Licht die Bettler im Geist. Hier verharren sie bis zum Tag des Herrn, denn vor dem Jüngsten Gericht gibt es kein Heil und keine Verdammnis, bis dahin sind sie nur Wartende und ist der Himmel nur eine Vision.
Weihnachten 1944. Michael hat seine Wanderjahre hinter sich, die Belagerung von Budapest verbringt er in einem Luftschutzkeller. Wieder ein Panoptikum, wieder ein Labyrinth, ein Karneval der Monomanien. Diesmal allerdings betrachtet der heimgekehrte Wanderer die comédie humaine nicht so unerbittlich satirisch wie in den vorangegangenen Kapiteln, sondern mit sanftem Humor. Der Humor ist die letzte Maske, sie kann bis zum letzten Augenblick nicht abgenommen werden. Doch die in bitterem Saft rotierende, unerlöste Welt bleibt zurück, und das motiviert das letzte Kapitel, das als ein Epilog zu sehen ist. Mit dem Bibliothekar Vidal tritt dem Anschein nach eine neue Person auf Der Erzähler spricht nicht aus, daß er eine neue Inkarnation des Michael Bormester wäre, laßt jedoch auch keinen Zweifel aufkommen, daß er zu den Geläuterten gehört, die auf das Heil im Jenseits verzichten, umkehren und sich in den großen Lebensfluß werfen, um wenigstens eine Seele zu retten. Denn »einmal im Leben erscheint der Engel jedem«.

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