2012. július 24., kedd

Hamvas Béla: Karneval (Auszüge)

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Schicksalskatalog, meiner Meinung nach einer der erschöpfendsten seiner Art, eine Arche Noah der menschlichen Eigenschaften, eine über alle Sintfluten hinweggerettete Archiv, ein Bilderbuch also, eine Charakterologie, letzlich ein Wörterbuch, eine Inventur, aber ich nehme mich aus diesem Rummel nicht aus, ich bin die Arche, in der der ganze Zoo auf den Gewässern schwimmt, ich bin das Geschwätz, und das ganze ist darin aufgelöst, im unbezähmbaren Zwang des Sich-Aussprechen-Wollens, ich meine die ganzen Verrückten und Maniker und Wahnsinnigen und Verkrüppelten und Blöden und Komödianten und Clowns, all diese auseinandergebrochenen Leute, und ich würde es für ungerecht, unwürdig und für meinen Teil  einfach für eine Dreistigkeit halten, wenn ich mich aus diesem infernalischen Katalog unverschämterweise ausnehmen würde mit dem Hintergedanken, bitte sehr, ich stehe für mich, ich gehöre nicht zu ihnen. Sie sehen, wie dreist ich bin! Aus meiner Frechheit mache ich sogar Moral. Ich bin genau so wie die anderen.  Ich bin der Schwätzer unter ihnen, der sich wenigstens einmal in seinem ganzen Leben gründlich aussprechen will. Eine unangenehme Eigenschaft, das gebe ich zu, ich glaube, unangenehmer, ja sogar arroganter und womöglich aufdringlicher als irgendeine andere, zumindest kommt es mir so vor. Also nahm sich Mihály Bormester aus dem Katalog nicht aus, und das habe ich von ihm gelernt, weil ich es für korrekt hielt, diese Moral des nicht mehr zu überbietenden Komödiantentums, ich übernahm sie und ich weiss, dass die Komödie nur dann vollständig ist, wenn nicht nur der Erzähler, sondern auch derjenige, der das ganze niederschreibt, darin mit enthalten ist, also auch ich, als narrus termaximus, als agent spirituel, also als Vermittler, der von allen der grösste Narr ist. Die Grundthese ist, dass alle in der Patsche sitzen. Daraus folgt das empörende Paradoxon, dass man umso tiefer drin steckt, je mehr man vorgibt, aussen zu stehen, eitel ist und angibt, dass man um so komischer wirkt, je höher man die Nase hält, und je übermenschlicher man erscheinen will, desto lächerlicher ist es. Eben darum gibt es keine lustigere Haltung als das Pathos. Das, meine ich, ist die erste Grundthese. In diesem Bunde fehlt natürlich noch der Dritte. Wenn der Schwätzer und der Vermittler  sich treffen, springt immer so etwas dabei heraus, also immer Indiskretion. Aber zum Schwätzer und zum Vermittler  muss man unbedingt noch den Zuhörer dazurechnen, respektive den Leser, der muss ins Spiel, das heisst in die Patsche, mit einbezogen werden, sonst ist der Witz einfach nicht vollständig.

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Mandel. Irre sind wir alle, und dieser Irrsinn häutet uns langsam, ganz langsam, dafür aber um so sicherer all das von unserem Gesicht ab, was ruhig ist und wohlproportioniert und anziehend und rein und klar und intelligent und was vom Alter völlig  unabhängig ist, und er macht unser Gesicht finster und eckig und verzerrt und gequält und grausam und hier verhärtet sich das Gesicht und dort schwillt es an, die Nase wird obszön, der Mund wie die Öffnung des Darmkanals, die Wangen quellen unzüchtig auf, das Auge glitzert duckmäuserisch und gierig, die Stirn verliert ihren Glanz, das Kinn wird scharf wie ein Messer, in den Zügen liegen unabwaschbar schmutziger Schmerz, Hoffnungslosigkeit, Ungläubigkeit, dumpfer Egoismus, viehisches Verlangen, Hinterhältigkeit  und Wut und Ärger und klebrige Melancholie. Lächerlich? Das leugne ich nicht einen Augenblick. Wehe dem, der darüber nicht lacht. Aber wehe dem, der darüber lacht. Wären Sie imstande, über diese bedauernswert erschrockenen Wesen zu lachen? Und wären sie imstande, über diese Witzfiguren nicht zu lachen? Ob Sie es glauben oder nicht, mir erscheint die Sache manchmal wie Nonsens. Unwirklich. Gespenster. Natürlich mich eingeschlossen, denn nähme ich mich aus dieser Geisterstunde aus, wäre es nicht korrekt. Und jetzt sage ich Ihnen,  mit zweifellos didaktischem Pathos, aber das ist das einzige, was ich in ihrem Interesse tun kann, ich bitte Sie, halten Sie sich nicht heraus aus diesem universellen, sinnvollen oder sinnlosen Tohuwabohu, die das menschliche Leben und die Geschichte sind,  glauben Sie ja nicht, dass Ihnen eine Sonderbehandlung zusteht oder je zustehen wird und Sie wären eine Ausnahme und der einzige Mensch, für den das, was für alle anderen gilt, nicht gültig ist. Das hieße doch, sich inhuman zu verhalten und das ist meiner Meinung nach der erste und hauptsächliche Grund für das Zerbrechen und Verzerren und Auflösen und die Verunstaltung aller Gesichter zu einer tragikomischen Maske. Keine Ausnahme. Laura glaubte, sie wäre eine Ausnahme. Ameline  glaubte es auch. Schauen Sie sie an. Was hat der Glaube, sie seien eine  Ausnahme, aus ihnen gemacht. Schauen Sie sich die Kränkung in ihren Gesichtern an. Schauen Sie, wie beleidigt sie sind. Was für eine schlecht verborgene Unzufriedenheit sie unter uns verbreiten und wie sehr sie es uns verübeln, dass sie nicht die Sonderbehandlung bekommen, die ihnen ihrer Ansicht nach gebührt. Nein, bis zu meinem letzten Blutstropfen wehre ich mich dagegen, das Leben so einzurichten, dass der Mensch sich als eine von der Aussenwelt und 

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Zwei Teller-
Macht nichts-
(Geduld. Zuvorkommend, friedlich. Bin. Es ist leicht geduldig zu sein für den, der nicht liebt. Das kann man nur so verstehen, daß ich verrückt bin. Warum? Ohne Liebe muss ich toben.)
Ich bücke mich und sammele die Scherben auf, mit dem kleinen Besen fege ich die Splitter zusammen. Angela steht da und schaut zu. Auf einmal kommt sie und tritt mir in die Seite.  (In jede Quelle spuckt sie. Warum ist es so?)
Ich stehe auf. Schaue sie wortlos an .
(Geduld. Frieden. Bin.)
Sie schreit mich an. Sie glauben, das geht so?
Was ist los?
Ich bin unglücklich-
In meiner Hand der Besen und die Kehrschaufel. Ich auch, sage ich.
(Ohne Liebe muss man wahnsinnig werden. Man kann es nur so verstehen, daß sie verrückt ist. Sie tut, was sie zuhause gesehen hat. Verhauen. Ich lieferte keinen Grund. Irgendwo abgestürzt und gestorben.)
Sie rennt ins Zimmer, wirft sich hin, heult. Ich heize die Küche ein, setze Teewasser auf, Rührei, Butterbrot und Eingemachtes tue ich aufs Tablett, bringe es herein und decke den Tisch.
Kommen Sie, sage ich, essen Sie etwas-
Sie steht auf, mit verweinten Augen, setzt sich hin. Essen Sie nur, spricht sie leise, ich will nichts. Immer dieses Essen-
(Giftgiftgiftgift. Das kann man nur so verstehen, daß Gift. Sie muss wahnsinnig werden. Keinen Grund. Höflich. Bin. Gut. Bin.)
Seit heute morgen hab‘ ich nichts gegessen, jetzt ist es halb fünf-
Ich weiß, schlechte Frau, wartet nicht mit dem Mittagessen auf den Mann. Das wollen Sie sagen? Sagen Sie es nur-
(Ich verstehe nicht, warum ist es so? Was für Fehler mache ich? Verrückt? Irgendwo abgestürzt. Schmutziges Wasser. Was fehlt ihr? Irrtum.)
Ich nehme vom Rührei, schneide das Brot; und giesse Tee ein, für sie und mich.
Eine Tasse, sage ich. Angela greift die Tasse und schmettert sie zu Boden. Sie steht auf, geht ins Schlafzimmer und schlägt die Tür zu.

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